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Diskussion über die jüdischen Hoffaktoren im Modernisierungsprozess
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Von:  Arkadij Resnik <arkadij@xxx.xxxx
Datum:  So 27, Sep 1998  15:15
Betreff:  Hofjuden
Da es sich hier um eine "e-mail Diskussionsliste" handelt erlaube ich mir etwas zur Diskussion zu stellen, was mich immer wieder mal beschaeftigt hat. 

Das antisemitisch-nazistisch gefaerbte Monumentalwerk von H. Schnee mal abgesehen, gibt es m.W. keine neuere groessere Untersuchung ueber die Hofjuden
des 18. Jhs. Trotzdem meine ich, es kuendigt sich hier eine Art Paradigmenwechsel an, spuerbar in der uebereinstimmenden Tendenz von verschiedenen
Veroeffentlichungen und Vortraegen die ich in den letzten ein, zwei Jahren mitbekommen habe. Es scheint dass die Hofjuden nun als Prototypen der juedischen Moderne gesehen werden sollen: Reich und einflussreich, kulturell
assimiliert und sozial integriert, eigentlich schon einhundert Jahre vor der Judenemanzipation emanzipiert. Natuerlich hat man dabei auch immer den beruechtigten
"Jud Suess" vor Augen. 

Ich glaube dass diese Ansicht GRUNDFALSCH ist, auf falschen Voraussetzungen basiert und zu falschen Schluessen ueber die Anfaenge und Bedingungen der
assimilatorischen und emanzipatorischen Entwicklungen fuehren muss. Ich glaube dass die Hofjuden im 18. Jh. gerade typische Exponenten der ALTEN feudal-staendischen Herrschafts- und Gesellschaftsordnung waren und nicht die Vorboten einer NEUEN Zeit, in der sie im Gegenteil ihren Platz verlieren mussten. Wenn sich die Frage ueberhaupt stellt, war ihre Position notwendig ANTIemanzipatorisch. Ich meine auch dass von einer sozialen Integration der
Hofjuden (in die hoefische Standesgesellschaft? in die christlich buergerliche Gesellschaft?) nur ganz bedingt gesprochen werden kann. Gleiche Einschraenkung
gilt sicher fuer die behauptete Assimilation der Hofjuden.

Der konkrete Anlass fuer diese Wortmeldung ist die Entdeckung, dass ein sueddeutscher Hofjude im spaeten 18. Jh. seinen erwachsenen Kindern testamentarische Verhaltensregeln hinterlaesst die an altjuedischem
Konservatismus nicht zu wuenschen uebrig lassen und nicht die geringsten Einfluesse von Aufklaerung und Emanzipation verraten. Vor allem wird jede assimilatorische Tendenz selbst in aeusserlichen Kleinigkeiten, und jede Mischung mit der christlichen Gesellschaft sehr scharf verboten. Derselbe sueddeutsche Hofjude liess sich auf Oelgemaelden genau so darstellen wie irgendein anderer hochrangiger
Hoefling der spaetabsolutistischen Zeit, und in seinem Haus gingen staendig christliche Personen ein und aus. Beides war er seiner Stellung am Hof schuldig. Dadurch wurde er nicht zum Vertreter von Aufklaerung und Assimilation oder zum Vorboten einer neuen Gesellschaftsordnung, sondern blieb ein Exponent der alten Verhaeltnisse.

Es wuerde mich freuen, wenn ich andere Meinungen zu diesem Thema lesen koennte.

Arkadij Resnik

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