Geschichte und Kultur
der Juden
geschichte-juden
 

 

Profil

Regeln

Technisches

Archiv

 Links
Diskussion über die jüdischen Hoffaktoren im Modernisierungsprozess
Von:  "Rotraud Ries" <rries@xxxxxxxxxx.xxxxxxxxxxxxx.xxx
Datum:  Fr 2, Okt 1998  8:06
Betreff:  Geschichte-Juden, Hofjuden
Stellungnahme des Projekts "Hofjuden im Akkulturationsprozess" (Friedrich Battenberg/Rotraud Ries) zum Thema Hofjuden
 
Es ist richtig, dass  sich die neuere Forschung allmaehlich von der Schnee-Perspektive ueber die Hofjuden des 18. Jahrhunderts abzuwenden beginnt. Es gibt auch durchaus einzelne Stimmen, die in die Richtung gehen, die Hofjuden seien  d i e  Prototypen der juedischen Moderne, in dem Sinne, wie es Resnik ausfuehrt. Doch daraus eine neuere Tendenz der einschlaegigen Forschung zu konstruieren, erscheint voellig uebertrieben. Insbesondere ist die Ausnahmegestalt des "Jud Suess " keineswegs mehr im Zentrum der Forschung, da sie das Gesamtbild eher verfaelscht als erhellt. In der Tat gibt es seit Schnee keine umfassenderen Untersuchungen mehr zum Thema "Hofjuden". Der New Yorker Katalog (Mann/Cohen, The Court Jew) ist insofern sehr enttaeuschend ausgefallen, als er zwar stellenweise die aeltere Forschung rezipiert, sich jedoch offensichtlich nicht mit einem moeglichen Mentalitaetswandel der juedischen Elite beschaeftigt. Es gibt hier eine Fuelle von Einzelbeobachtungen, von denen aber kaum abstrahiert wird, so dass der Katalog im wesentlichen als eine kommentierte Materialsammlung angesehen werden kann. Inzwischen jedoch gibt es Einzelarbeiten (darunter auch die Ausfuehrungen Mordechai Breuers im ersten Band der deutsch-juedischen Geschichte der Neuzeit; oder der Beitrag von Graetz im genannten Katalog),
die weiterfuehren.  

 
Im Projekt "Hofjuden im Akkulturationsprozess der Juden des deutschsprachigen Raumes" (Teil des DFG-Gesamtprojekts "Wandlungsprozesse im Judentum durch Aufklaerung") wurde eine sozialbiographische Datenbank entwickelt, um die vielfaeltigen Informationen ueber Hofjuden systematisch zu sammeln und unter vielfaeltigen Gesichtspunkten auszuwerten. Sie dient u.a. dazu, die dichte verwandtschaftliche Vernetzung der juedischen Oberschicht der fruehen Neuzeit aus jeder beliebigen Perspektive darstellbar und analysierbar zu machen. Die Eingabe der verfuegbaren Daten aus der Literatur und aus neu-erschlossenen Quellen ist auf dem Wege (bislang sind ca. 1300 maennliche Personen erfasst). Im Umfeld des Projekts hat sich eine Gruppe von jungen NachwuchswissenschaftlerInnen (ueberwiegend Doktoranden) in einem "Arbeitskreis Hofjuden" zusammengeschlossen, um durch
Regionalstudien und sachlich begrenzte Analysen auf der Basis des gesammelten Materials Licht in die Probleme zu bekommen. Vorlaeufige Ergebnisse aus Projekt und Arbeitskreis lassen sich in folgenden Thesen
zusammenfassen:
 

1. Es gibt eine deutliche Zaesur in der Entwicklung der Hofjudenschaft in der Mitte des 18. Jahrhunderts, die auf einen gewissen Mentalitaetswandel in Annaeherung an die christliche Gesellschaft deutet.
2. EinUnterschied zwischen dem (preussisch
dominierten) Norden und dem (oesterreichisch beeinflussten) Sueden scheint in der Weise zu bestehen, dass im Norden eher eine Anpassung an die
buergerlichen Normen erstrebt wurde (deshalb eher "Entrepreneurs", Engagement im Manufakturwesen u.ae.), waehrend die Hofjuden im Sueden staerker auf die Adelsgesellschaft setzten.
3. Die Hofjudenschaft muss in den groesseren Rahmen einer juedischen Elite gestellt werden, die in erster Linie innerhalb der juedischen "Binnenkultur" eine herausragende Stellung einnahm, und die durch
Gelehrsamkeit und Vermoegen, aber auch durch taktisches Geschick und ein (verwandtschaftliches und/oder geschaeftliches) Beziehungsnetz den
Druck der Gojim abzumildern in der Lage war.
4. Die Hofjudenschaft selbst blieb wie die gesamte juedische Elite des 18. Jhs. weitgehend traditionsverbunden. Stiftungen sind selbstverstaendlich, und die Sorge um das Wohl der Gemeinde ist bis
zum Ende des Jh. ein wesentliches Anliegen. Insofern kann keine Rede davon sein, die Hofjuden als (bewusste) Vorkaempfer einer Emanzipation
oder Assimilation an die christliche Gesellschaft anzusehen.
5. Geschichtsforschung hat aber auch mit unbewussten
Veraenderungsprozessen zu tun. Es mag eine Binsenwahrheit sein, dass Gruppen, die in engem sozialen Kontakt mit anderen Gruppen stehen, deren Handlungs- und Denkweisen teilweise uebernehmen. Es ist aber doch eine legitime Forschungsfrage, zu ueberpruefen, inwieweit durch das Agieren der juedischen Elite (vor allem im geschaeftlichen Bereich)
die juedische Gesellschaft intakt blieb, oder ob nicht doch integrative Bewegungen entstanden, die bis zum Ende des 18. Jh. Bruchlinien verursachten.
6. In diesem Sinne kann durchaus festgestellt werden, dass in Sprachgewohnheiten, in Kleidungsgewohnheiten, im aeusseren Auftreten, in Wohnverhaeltnissen (weniger wohl in religioesen Prinzipien) aufgrund sozialer Naehe (vielleicht auch aufgrund geschaeftlicher Beduerfnisse:
Behauptung gegen Konkurrenten) Anpassungs- und
Integrationserscheinungen zu beobachten sind, die zwar nicht primaer gewollt waren, die sich aber doch eigengesetzlich entwickelt hatten.
7. Wie anders laesst sich erklaeren, dass viele Angehoerige der Hofjudenfamilien dem Druck und den Verlockungen der Buerger- und Adelsgesellschaft nicht standhielten und aus - z.T. eigensuechtigen Interessen, z.T. aber auch in ehrlicher  Ueberzeugung - die Bindungen an die juedische Gemeinde aufgaben und ganz assimiliert wurden (z.T. auch durch Konversionen)? Dies war kein historischer Prozess, der ploetzlich durch die Ideen der Aufklaerung da war; er hatte sich vielmehr seit laengerem angebahnt.
8. Ob Hofjuden damit freilich Exponenten einer Modernisierung in der Gesellschaft wurden, ist noch zu ueberpruefen. Auf keinen Fall duerfte eine solche These anthropologisch im Sinne von Werner Sombart und
auch Heinrich Schnee verstanden werden, derart naemlich, die Juden haetten eine besondere Anlage zu wirtschaftlichem Handeln besessen. Wohl aber waere die These Arthur Hertzbergs und anderer in Erwaegung zu ziehen, dass die juedische Elite es verstanden hat, die
Modernisierungsentwicklungen wahrzunehmen und auf sie zu setzen (zumindest um des geschaeftlichen Erfolgs willen).
9. Ein Mentalitaetswandel der juedischen Gesellschaft, der sich besonders in ihren auch von der christlichen Umwelt anerkannten Exponenten (besonders den Hofjuden) spiegelt, ist fuer das 18. Jahrhundert unverkennbar. Dies bedeutet nicht, dass von den
betreffenden Gruppen die Bindungen zur juedischen Tradition aufgegeben wurden. Diese wurden vielleicht sogar verstaerkt (aber zugleich durch Stiftungen veraeusserlicht und materialisiert), um damit ein
Gegengewicht zur gesellschaftlichen Orientierung an der Welt der Gojim zu schaffen und jeden Verdacht zu zerstreuen, man bewege sich aus der Gemeinde heraus. Wahrzunehmen ist, dass sich in den Testamenten und Inventaren der Hofjuden Anzeichen fuer die doppelten
Beziehungen finden: Stiftungen fuer juedische   u n d   christliche Waisenhaeuser z.B., Bibliotheken mit Werken religioesen ebenso wie literarischen bzw. allgemeinbildenden Inhalts: Dies alles deutet darauf hin, dass fuer Hofjuden die Gemeinde offensichtlich nicht mehr das alleinige Orientierungsmuster darstellte.
 
F. Battenberg